Trage dein Kind wie Naturvölker – Von der Sehnsucht nach Natürlichkeit, der bösen Zivilisation und der Frage nach der Brille

‚In anderen Kulturen[1] werden die Babys bis heute getragen‘, so oder ähnlich versuchen dich Verfechter des Tragens von dieser Umgangsweise mit Babys zu überzeugen. Das ist eines der prominentesten Argumente für das Tragen. Erziehungsratgeber verweisen auf Berichte über Naturvölker, die belegen sollen, dass Säuglinge sehr lange in einem Tuch getragen werden.

Von der Sehnsucht nach Natürlichkeit

Wir in Europa scheinen sehr empfänglich für diese Bilder zu sein. Wir vertrauen ihrer Friedlichkeit. Die sogenannten Naturvölker stehen für uns für eine verlorene Natürlichkeit. Eine Natürlichkeit, die durch die Zivilisation, zu der auch der Kinderwagen gehört, zerstört wurde. Durch Übernahme einzelner Praktiken, wie der Praktik des Tragens, erhoffen wir uns einen Fortschritt in der Erziehung durch die Rückkehr zu unserer Natürlichkeit, zum Ursprünglichen. Dabei ist die Aufwertung des Natürlichen keineswegs nur auf das Tragen beschränkt. Auch Ratgeber über das Stillen und die Geburt speisen ihre Argumente aus dem Blick auf andere Kulturen.

Das Bild von der Erziehung in anderen Kulturen wird dabei hochstilisiert. Es wird, „auf bestimmte Merkmale reduziert und [entspricht] […] nicht mehr der Realität.“[2] Es sei nebenbei bemerkt, dass solche Bilder als Mittel der Zivilisationskritik Jahrhunderte alt sind.

Ich möchte nun zum zweiten Aspekt des kulturvergleichenden Arguments kommen:

Alles eine Frage der Interpretation

Man muss schon fragen, warum Mütter in unseren Breitengraden die Säuglinge tragen sollen, wenn auf dem Boden keine Gefahr besteht. Nach der Bestsellerautorin Jean Liedloff[3] ist der Sicherheitsaspekt nicht der springende Punkt. Wenn es nach Liedloff gehen sollte, dürfte ein Baby – bis es krabbelt – nie abgelegt werden. Für die Bestsellerautorin gibt es für einen Säugling nichts schlimmeres, als abgelegt zu werden. Dass Säuglinge permanent getragen werden bis sie krabbeln, hat Liedloff bei den Ye’kuana-Indianern beobachtet.

Dabei beruht Liedloffs zentrale Forderung auf einer Mutmaßung über das Erleben des Säuglings: Der Säugling kann mit leblosen Objekten nichts anfangen und sich – im Bettchen abgelegt – nicht entwickeln. Ich möchte anhand einer fiktiven Szene aus dem „Tagebuch eines Babys“ von Daniel N. Stern[4] zeigen, dass Liedloffs Mutmaßung nur eine mögliche Interpretation von vielen ist. Hat man eine andere Vorstellung darüber, was ein junges Baby in einem Gitterbettchen erlebt, gerät Liedloffs Dogma des Tragens ins Schwanken.

Was erlebt ein Baby im Gitterbettchen? – „Leblose Leere“ oder „Zauber eines dichterischen Werkes“

Liedloff und Stern beschreiben einen wenige Wochen alten Säugling, der in einem Gitterbettchen liegt. Beide Autoren erzählen eine fiktive Geschichte. Liedloff leitet die Szene mit einem gescheiterten Versuch des Säuglings, auf sich aufmerksam zu machen ein. Die Entdeckung der Gitterstäbe folgt also auf eine Phase des Unbehangens. Bei Stern ist der Säugling vor zwei Minuten aufgewacht und ist in der Phase der wachen Inaktivität.

Der abgelegte Säugling in der trostlosen Leere

„Die Schreie des Säuglings gehen in zitterndes Wimmern über. Da niemand antwortet, verliert sich die Antriebskraft seiner Signale in der Verwirrung lebloser Leere, wo schon lange Erleichterung hätten eintreten müssen. Er blickt um sich. Jenseits der Stäbe seines Gitterbettchens gibt es eine Wand. Das Licht ist trüb. Er kann sich nicht umdrehen. Er sieht nur die Gitterstäbe, unbeweglich, und die Wand. Aus einer fernen Welt hört er sinnlose Geräusche. In seiner Nähe ist alles still. Er sieht auf die Wand, bis ihm die Augen zufallen. Wenn sie sich später wieder öffnen, sind Gitterstäbe und Wand genau wie vorher, doch das Licht ist noch trüber.“[5]

Liedloff kleidet die zentrale Stelle – das Erblicken der Gitterstäbe – in ein düsteres Bild: Niemand ist gekommen. Der Säugling ist verlassen, wimmert entkräftet. In ihrem Buch gibt es zahlreiche Stellen, die dafür sprechen, dass sie sich gegen die ältere Müttergeneration wendet, der angeraten wurde, die Babys schreien zu lassen. Insofern muss ihr Buch in diesem historischen Kontext gelesen werden. Liedloff war so sehr von dem Feindbild der Methode des Schreienlassens eingeengt, dass ihr das Bild eines zufriedenen Säuglings in Rückenlage nicht in den Sinn gekommen ist.

In diesem trostlosen Gefühlszustand ist ein interessiertes freudevolles Entdecken kaum vorstellbar. Wie stellt Stern das Erleben der Gitterstäbe dar?

„Auf einmal springt ein Stück Raum hervor. Eine dünne, aufrechte Säule. Sie steht regungslos und singt eine strahlende Melodie. […]“[6]

Wie kommt Stern dazu, dem leblosen Gitterstab eine fast künstlerische Wirkung zuzuschreiben? Stern geht davon aus, dass Objekte bei Säuglingen Gefühle verursachen. Jedes Objekt besitzt einen „Gefühlston“.

„Der Begriff Gefühlston bezeichnet die verschiedenen Gefühle, die der Stab in jemandem hervorrufen kann, der ihn nicht als Teilstück eines Kindermöbels erfährt, sondern als Objekt an und für sich, so wie wir beispielsweise eine abstrakte Skulptur betrachten würden.“[7]

Nach Stern können Säuglinge eine Sinneswahrnehmung in eine andere Sinneswahrnehmung überführen. Joey sieht etwas und das visuelle Erlebnis wird in ein Gefühl überführt. Menschen, die z. B. Töne hören, wenn sie eine Farbe sehen, haben diese angeborene Fähigkeit behalten.

Es ist die Fähigkeit

„[…] Qualitäten der Erfahrung erfassen können: Spannung, Härte, Weichheit, Klarheit, Helligkeit, Intensität, Tempo, Rundungen und Ecken und Kanten. Außerdem müssen sie in der Lage sein, diese Eigenschaften mit jedem einzelnen ihrer Sinne wahrzunehmen: dem Sehen, Schmecken, Fühlen, Hören und Riechen. Sie müssen darüber hinaus fähig sein, die aus einer Sinneswahrnehmung abgeleiteten Qualitäten in eine andere Sinnesmodalität zu überführen, zum Beispiel vom Sehen zum Hören.[8]“

Wie aus Mutmaßungen Erziehungsratschläge werden – Interpretation -> Wertung -> Ratschlag

Unterschiedlicher können die beiden Interpretationen nicht sein. Allerdings unterscheiden sich Stern und Liedloff in ihrem Reflexionsgrad: Bei Liedloff gibt es nur die eine Interpretation, während Stern darauf aufmerksam macht, dass jede Aussage über das Erleben des Säuglings immer nur eine von vielen Interpretationen sein kann. Eine ultimative Wahrheit kann es nicht geben.[9]

Zentral ist an dieser Stelle, dass sich je nach Interpretation sehr unterschiedliche Handlungsvorschläge ergeben:

Geht man davon aus, dass der Säugling trostlose Leere erlebt, wenn er abgelegt wird, und dass er in dieser Position, ohne Körperkontakt nicht in der Lage, sich der Umwelt zuzuwenden, gibt es nur eine Konsequenz: Den Säugling möglichst viel zu tragen.

Interpretiert man dagegen im Sinne Sterns darf der Säugling liegen. Sind die Bedürfnisse, wie Nahrung, Wärme oder Körperkontakt gestillt, sind die Momente der wachen Inaktivität in der Rückenlage Momente wichtiger Entdeckungen.

Fazit

Die Interpretation von Stern erlaubt es, legt sogar nahe die Babys auch hinzulegen. Diejenigen von euch, die sich unsicher fühlen oder schlechtes Gewissen haben, weil ihr eure Kinder nicht so viel tragt, werden hier beruhigt. Ein Baby darf auch liegen! Es darf sogar alleine im Raum sein!

Quellenangaben

[1] indogene Völker, „traditionale Kulturen“ in Kirkilionis, Evelin (2013): Ein Baby will getragen sein. Alles über geeignete Tragehilfen und die Vorteile des Tragens. München: Kösel. S. 21., Naturvölker“ in Dornes, Martin (2007): Die emotionale Welt des Kindes. 5. Aufl., Orig.-Ausg. Frankfurt am Main: Fischer (Fischer/-Taschenbuch] Geist und Psyche, 14715), S. 54, koloniale Völker oder ‚weniger entwickelte Kulturen‘ in Prekop, Jirina; Schweizer, Christel (2014): Kinder sind Gäste, die nach dem Weg fragen. Ein Elternbuch. München: E-Books der Verlagsgruppe Random House GmbH.

[2] Hupfeld, Tanja (2007): Zur Wahrnehmung und Darstellung des Fremden in ausgewählten französischen Reiseberichten des 16. bis 18. Jahrhunderts. Il les faut voir et visiter en leur pays. Göttingen: Univ.-Verl. (Universitätsdrucke Göttingen), S. 52.

[3] Liedloff, Jean (2005): Auf der Suche nach dem verlorenen Glück. Gegen die Zerstörung unserer Glücksfähigkeit in der frühen Kindheit. 509. – 532. Tsd. München: Beck (Beck’sche Reihe, 224).

[4] Stern, Daniel N. (2000): Tagebuch eines Babys. Was ein Kind sieht, spürt, fühlt und denkt. 8. Aufl. München [u.a.]: Piper (Serie Piper, 1843).

[5] Liedloff, Jean (2005): Auf der Suche nach dem verlorenen Glück. Gegen die Zerstörung unserer Glücksfähigkeit in der frühen Kindheit. 509. – 532. Tsd. München: Beck (Beck’sche Reihe, 224), S. 88.

[6] Stern, Daniel N. (2000): Tagebuch eines Babys. Was ein Kind sieht, spürt, fühlt und denkt. 8. Aufl. München [u.a.]: Piper (Serie Piper, 1843), S. 30-33.

[7] Ebd.

[8] Ebd.

[9] Vgl. ebd. S. 9

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