„Zwei Drittel der Weltbevölkerung tragen ihre Kinder“ Tausend Fliegen können doch nicht irren!

„Zwei Drittel der Weltbevölkerung tragen ihre Kinder (auch heute noch)“

Diese Zahl wurde auf 287 Internetseiten veröffentlicht, um dich vom Tragen zu überzeugen. Das Zitat stammt aus dem Buch „Ins Leben tragen. Entwicklung und Wirkung des Tragens von Kleinstkindern unter sozialmedizinischen und psychosozialen Aspekten“ von Manns/Schrader[1]. Die Autorinnen versuchen in ihrer Diplomarbeit ihre Überzeugung, dass das Tragen die richtige, ja die einzig richtige Umgangsweise mit Säuglingen ist, zu unterfüttern. Allerdings bleiben sie uns einer Quellenangabe schuldig. Eine Anfrage beim Verlag blieb ohne Antwort. Es handelt sich somit erst mal um eine Behauptung, die angesichts der Trefferanzahl offensichtlich ihren Zweck erfüllt hat.

Nehmen wir an, dass die Zahl ungefähr stimmt. Was könnte sie uns sagen?

Nach dem Prinzip ‚tausend Fliegen können nicht irren!‘, ist die Minderheit, die ihren Nachwuchs ohne Tragehilfen aufwachsen lässt, auf einem Holzweg. Die Minderheit von einem Drittel soll sich der Umgangsweise mit Babys der Mehrheit in der Welt anschließen. Doch ist die Mehrheit immer schlauer als die Minderheit? Zumindest nehmen wir lieber ein Urteil an, das von genügend Menschen vertreten wird, als eine abweichende Antwort[2]. Die Erziehungsratgeber setzen unbewusst auf diesen Mechanismus.

Wenn wir auch hier davon ausgehen, dass sich die Mehrheit der Fliegen tatsächlich nicht irrt, bleibt die Frage, warum die Mehrheit der Weltbevölkerung ihre Kinder trägt. Mir ist hierzu keine Erhebung bekannt, sodass ich nur über mögliche Gründe spekulieren kann. Es wäre möglich, dass die Mehrheit der Babys getragen wird,

  • weil das Ablegen der Säuglinge auf der Erde lebensbedrohlich sein kann oder
  • weil es für einen Kinderwagen keinen geeigneten Untergrund gibt oder
  • weil es einfach Tradition ist.

Vielleicht hat ein Teil der Mehrheit gar keine Wahl – entweder aus Sicherheitsgründen, oder praktischen Gründen oder aus einer nicht vorhandenen Notwendigkeit, die kulturellen Normen zu hinterfragen.

Fazit:

287 Missionare des Tragens suchen händeringend nach Argumenten für ihre Vorstellung von geeignetem Umgang mit Säuglingen. Mit Zwängen des Alltags oder der Angst vor einer Hüftdysplasie zu argumentieren reicht nicht aus.

[1] Manns, Anja; Schrader, Anne Christine (1995): Ins Leben tragen. Entwicklung und Wirkung des Tragens von Kleinstkindern unter sozialmedizinischen und psychosozialen Aspekten. Berlin: VWB, Verlag für Wissenschaft und Bildung (Beiträge zur Ethnomedizin, 1).

[2] Gräbner, Matthias (2012): Wann irren die tausend Fliegen? In: Telepolis. Online verfügbar unter http://www.heise.de/tp/artikel/36/36795/1.html, zuletzt geprüft am 11.11.2015.

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