„Der Mensch ist ein Tragling“ – Du darfst dich mit der Evolution anlegen

Du sollst dein Baby tragen, weil der Mensch ein Tragling ist. Das ist eines der stärksten Argumente für das Tragen und wird auf 1400 Internetseiten zitiert. Diesem Argument verdankt die Bestsellerautorin Evelin Kirkilionis[1] ihren Erfolg. Als Remo Largo sich der Diskussion anschloss, gibt es scheinbar keinen Zweifel mehr, dass menschlicher Nachwuchs getragen werden soll. Und damit basta?

Nestflüchter oder Tragling?

Die Sache ist eigentlich ganz einfach. Der Nachwuchs in der Tierwelt wurde in zwei Gruppen eingeteilt: Nestflüchter und Nesthocker. Fohlen oder Küken können relativ schnell nach der Geburt ihr ‚Nest‘ verlassen und laufen mit der Herde mit. Vögel oder Katzen bleiben in ihrem Nest, während es die Mutter/Eltern in der Zeit der Nahrungssuche verlassen. Ein Verhaltensforscher suchte nach einer Kategorie für eine Gruppe von Tieren, die weder im Nest bleiben, noch bald nach der Geburt mitlaufen. Er fügte die Kategorie Tragling hinzu[2]. Traglinge sind Tiere, wie Fledermäuse oder Affen, die von ihren Müttern getragen werden. Damit sind alle Jungentypen im Tierreich erfasst.

Diese Erweiterung hat scheinbar das Bild vom Menschen grundlegend verändert. Auf der Suche nach einer Zuordnung des Menschen zu einer dieser Kategorien, wurde schnell die These aufgestellt, dass der Mensch kein Nesthocker sein kann. Da der Mensch vom Affen abstammt und einige Reflexe auf diese Abstammung hinweisen, wird er von Verhaltensbiologen als ehemaliger Tragling bezeichnet. Er kann auch nur ein „passiver“ Tragling sein, da er sich nicht wie Menschenaffen aktiv festhalten kann.

Der Mensch ist ein Tragling – „Ein Baby will getragen sein“

Aus der terminologischen Krücke (ehemaliger oder passiver) Tragling hat man schnell die Konsequenz in der Ratgeberliteratur gezogen: Der menschliche Säugling gehört in eine Tragehilfe und nicht in ein Bettchen oder Kinderwagen. Das Baby sei ja kein Liegeling und kein Schiebeling[3]. Und so wurde aus einer ursprünglichen terminologischen Krücke eine der wichtigsten existenzsichernden Grundlagen für den neuen Beruf der Trageberaterin und das Geschäft mit den Tragehilfen.

Doch wie konnte sich eine bloße Kategorie so erfolgreich in den Ratgebern platzieren?

Es waren vor allem vergleichende Fotos von einem Gorillababy und einem Säugling und von einem Säugling in der Spreiz-Anhock-Reaktion:

Kirkilionis Schimpanse und Baby
Abbildung 1 aus Kirkilionis, Evelin (2013): Ein Baby will getragen sein.
Alles über geeignete Tragehilfen und die Vorteile des Tragens. München: Kösel. S. 29.

Kirkilionis Anhock-Spreizreaktion
Abbildung 2 aus Kirkilionis, Evelin (2013): Ein Baby will getragen sein.
Alles über geeignete Tragehilfen und die Vorteile des Tragens. München: Kösel. S. 32.

Möchtest du dich mit der Evolution anlegen?

„Die Botschaft einer solchen Argumentation ist klar: Wer sein Kind trägt, vielleicht sogar: nur wer sein Kind trägt, lässt ihm genau die Behandlung angedeihen, welche seiner evolutionär bedingten Ausstattung am besten entspricht. Und — Hand aufs Herz: wer möchte sich schon mit der Evolution anlegen?“[4]

Wenn du also dein Baby trägst, folgst du den Gesetzen der Natur. Du behandelst dein Kind artgerecht. Wer Eltern berät und dabei auf die menschliche Natur sowie auf naturgegebene Bedürfnisse verweist, stößt fast automatisch auf Resonanz bei den Eltern.

Um als Eltern etwas gelassener zu werden, wenn man z. B. nicht tragen kann oder gar nicht trägt, lohnt sich ein Blick in die pädagogische Anthropologie.

Tragling hin, Tragling her – Reflexreste und menschliche Anpassungsfähigkeit

Es sei ziemlich egal, ob der Mensch ein ehemaliger Nestflüchter oder Tragling ist. Im Laufe der Evolution haben sich beim Menschen Instinkte aufgelockert. Aus diesem Grund sind wir lernfähig, an die Umweltbedingungen anpassungsfähig und fähig, Entscheidungen zu treffen. Der Mensch ist „weder organisch noch instinktiv an eine spezifische“[5] Umgebung festgelegt.

Ja, das menschliche Baby spreizt die Beinchen, wenn es hochgehoben wird. Es ergreift genauso den Finger, wenn man ihn an der Hand berührt. Wenn man konsequent ist, indem man auf alle Reflexreste ‚antwortet‘, müssten sich Mütter immer ein Fell anziehen (um dem Greifreflex entgegenzukommen). Mit derselben Argumentation müssten wir auch als natürliche Fortbewegungsart das Hüpfen von-Baum-zu-Baum empfehlen tragen.

Für die Verhaltensbiologin Evelin Kirkilionis ist die Anhock-Spreizhaltung jedoch kein Rudiment:

„Welchen Sinn hat diese Stellung [Anhock-Spreiz-Haltung] für den menschlichen Säugling heute, da seine physiologische und anatomische Ausstattung ein Anklammern an der Mutter mit Händen und Füßen nicht mehr erlaubt; zudem finden sich beim Menschen ja nur noch Rudimente seiner ursprünglichen Behaarung. Ist diese Haltung, ähnlich wie der Greifreflex, ein funktionslos gewordenes Relikt, das an die stammesgeschichtliche Zugehörigkeit zum Jungentypus Tragling lediglich erinnert? Oder hat diese Haltung auch heute noch eine Funktion?“[6]

„Der menschliche Säugling – ein aktiver Tragling
Nach diesen Beobachtungen ist der Sitz auf der Hüfte für den Säugling keineswegs ein passives Geschehen. Er beteiligt sich am Hüftsitz aktiv, einmal durch die Spreiz-Anhock-Reaktion, durch die er den Sitz auf der Hüfte vorbereitet, zum anderen durch Anklammern mit den gesamten Beinen am Körper des Tragenden, wodurch der Sitz selbst stabilisiert wird.“[7]

Die Diskussion um die Frage, ob die Anhock-Spreizhaltung ein Rudiment ist oder nicht überlasse ich der Verhaltensbiologie. Für die pädagogischen Rückschlüsse ist ein kurzer Blick auf die Forschung von Emmi Pikler gewinnbringend. Die Habilitationsschrift von Pikler[8] zeigt, dass die Rückenlage die entscheidende Ausgangsposition für die Bewegungsentwicklung ist und Säuglinge, die nicht in Tragehilfen getragen wurden, nicht nur eine sehr gute Bewegungsqualität, sondern eine sehr gut entwickelte Bindungsfähigkeit haben.

Nach monatelangem Studium der Ratgeberliteratur, meiner Erfahrung als Mutter, die aus verschiedenen Gründen getragen hat und vor dem Hintergrund meines erziehungswissenschaftlichen und pädagogischen Wissens, muss ich schon fragen, ob nicht die Verfechter des Tragens etwas über das Ziel hinausgeschossen haben. Dazu mein Fazit:

Fazit

Das Tragen mit exotischer Nostalgie zu begründen, reicht offenbar nicht aus. Mal sollen wir es wie die Indianer tun und uns dabei in unserer Art zu leben, schlecht fühlen, mal sollen wir es wie die Menschenaffen tun.

Mit der terminologischen Krücke Tragling haben die Verhaltensbiologen ein Argument vorgelegt, dem man augenscheinlich nichts entgegen halten kann. Und wenn ja, dann stößt man auf den Aufschrei der Naturliebhaber und Artgerecht-Ratgeber.

Es bleiben jedoch Fragen übrig: Warum müssen wir eigentlich allen Restreflexen in die Hände spielen, wenn sie offensichtlich nach und nach verschwinden? Welche Auswirkung hat es, wenn wir es nicht tun? Was verlieren wir dadurch? Was genau gewinnen wir, wenn wir auf die Reflexe ‚artgerecht‘ antworten? Warum muss man es derart übertreiben, indem man die Rückenlage so dermaßen verpönt?

Ich möchte auch an dieser Stelle für mehr Gelassenheit plädieren. Lasst dir kein schlechtes Gewissen machen, wenn du dich aus der verhaltensbiologischen Perspektive nicht artgerecht oder naturgerecht verhältst. Es schadet sicherlich nicht, die Restreflexe zu kennen, aber auf ihnen das Leben mit deinem Kind aufzubauen und auf Hilfen, wie dem Kinderwagen zu verzichten, ist vielleicht übertrieben. Beobachte dein Kinder, schaue auf seine Signale und nicht auf die Evolution.

In diesem Sinne: Ja, man darf sich mit der Evolution anlegen.

Quellen

[1] Kirkilionis, Evelin (2013): Ein Baby will getragen sein. Alles über geeignete Tragehilfen und die Vorteile des Tragens. München: Kösel. (Das erst Mal 1999 erschienen.)

[2] Hassenstein, Bernhard (1973): Verhaltensbiologie des Kindes. München: Piper.

[3] Lilienthal, Sabine: Ein Baby ist ein Tragling, kein Liegeling. Das Tragen entspricht demKörperbau eines Säuglings und seinemBedürfnis nach körperlicher Nähe. Online verfügbar unter http://www.tragen-in-stuttgart.de/STN_Trageberatung_21.01.2013.pdf.

[4] Heimerdinger, Timo (2011): Verwickelt aber tragfähig. Europäisch-ethnologische Perspektiven auf ein Stück Stoff: das Babyt ragetuch. In: Österreichische Zeitschrift für Volkskunde 114 (3), S. 311–345. Online verfügbar unter http://volkskundemuseum.at/jart/prj3/volkskundemuseum/data/uploads/downloads/OeZV_Volltexte/OEZV_2011.pdf. S. 337.

[5] Kastenholz, Hans G. (1993): Die Bedeutung eines wissenschaftlich fundierten Menschenbildes. In: Karl-Heinz Erdmann (Hg.): Perspektiven menschlichen Handelns: Umwelt und Ethik. Zweite Auflage. Berlin, Heidelberg: Springer Berlin Heidelberg, S. 121.

[6] Kirkilionis, Evelin (1997): Die Grundbedürfnisse des Säuglings und deren medizinische Aspekte. – dargestellt und charakterisiert am Jungentypus Tragling -. In: notabene medici (2), S. 61.

[7] Kirkilionis, Evelin (1997): Die Grundbedürfnisse des Säuglings und deren medizinische Aspekte. – dargestellt und charakterisiert am Jungentypus Tragling -. (Teil 2). In: notabene medici (3), S. 117.

[8] Pikler, Emmi; Tardos, Anna (2009): Lasst mir Zeit. Die selbständige Bewegungsentwicklung des Kindes bis zum freien Gehen. 4. Aufl. München, Bad Kissingen, Berlin, Düsseldorf, Heidelberg: Pflaum.

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