„Der Mensch ist ein Tragling“ – Du darfst dich mit der Evolution anlegen

Du sollst dein Baby tragen, weil der Mensch ein Tragling ist. Das ist eines der stärksten Argumente für das Tragen und wird auf 1400 Internetseiten zitiert. Diesem Argument verdankt die Bestsellerautorin Evelin Kirkilionis[1] ihren Erfolg. Als Remo Largo sich der Diskussion anschloss, gibt es scheinbar keinen Zweifel mehr, dass menschlicher Nachwuchs getragen werden soll. Und damit basta?

Nestflüchter oder Tragling?

Die Sache ist eigentlich ganz einfach. Der Nachwuchs in der Tierwelt wurde in zwei Gruppen eingeteilt: Nestflüchter und Nesthocker. Fohlen oder Küken können relativ schnell nach der Geburt ihr ‚Nest‘ verlassen und laufen mit der Herde mit. Vögel oder Katzen bleiben in ihrem Nest, während es die Mutter/Eltern in der Zeit der Nahrungssuche verlassen. Ein Verhaltensforscher suchte nach einer Kategorie für eine Gruppe von Tieren, die weder im Nest bleiben, noch bald nach der Geburt mitlaufen. Er fügte die Kategorie Tragling hinzu[2]. Traglinge sind Tiere, wie Fledermäuse oder Affen, die von ihren Müttern getragen werden. Damit sind alle Jungentypen im Tierreich erfasst.

Diese Erweiterung hat scheinbar das Bild vom Menschen grundlegend verändert. Auf der Suche nach einer Zuordnung des Menschen zu einer dieser Kategorien, wurde schnell die These aufgestellt, dass der Mensch kein Nesthocker sein kann. Da der Mensch vom Affen abstammt und einige Reflexe auf diese Abstammung hinweisen, wird er von Verhaltensbiologen als ehemaliger Tragling bezeichnet. Er kann auch nur ein „passiver“ Tragling sein, da er sich nicht wie Menschenaffen aktiv festhalten kann.

Der Mensch ist ein Tragling – „Ein Baby will getragen sein“

Aus der terminologischen Krücke (ehemaliger oder passiver) Tragling hat man schnell die Konsequenz in der Ratgeberliteratur gezogen: Der menschliche Säugling gehört in eine Tragehilfe und nicht in ein Bettchen oder Kinderwagen. Das Baby sei ja kein Liegeling und kein Schiebeling[3]. Und so wurde aus einer ursprünglichen terminologischen Krücke eine der wichtigsten existenzsichernden Grundlagen für den neuen Beruf der Trageberaterin und das Geschäft mit den Tragehilfen.

Doch wie konnte sich eine bloße Kategorie so erfolgreich in den Ratgebern platzieren?

Es waren vor allem vergleichende Fotos von einem Gorillababy und einem Säugling und von einem Säugling in der Spreiz-Anhock-Reaktion:

Kirkilionis Schimpanse und Baby
Abbildung 1 aus Kirkilionis, Evelin (2013): Ein Baby will getragen sein.
Alles über geeignete Tragehilfen und die Vorteile des Tragens. München: Kösel. S. 29.

Kirkilionis Anhock-Spreizreaktion
Abbildung 2 aus Kirkilionis, Evelin (2013): Ein Baby will getragen sein.
Alles über geeignete Tragehilfen und die Vorteile des Tragens. München: Kösel. S. 32.

Möchtest du dich mit der Evolution anlegen?

„Die Botschaft einer solchen Argumentation ist klar: Wer sein Kind trägt, vielleicht sogar: nur wer sein Kind trägt, lässt ihm genau die Behandlung angedeihen, welche seiner evolutionär bedingten Ausstattung am besten entspricht. Und — Hand aufs Herz: wer möchte sich schon mit der Evolution anlegen?“[4]

Wenn du also dein Baby trägst, folgst du den Gesetzen der Natur. Du behandelst dein Kind artgerecht. Wer Eltern berät und dabei auf die menschliche Natur sowie auf naturgegebene Bedürfnisse verweist, stößt fast automatisch auf Resonanz bei den Eltern.

Um als Eltern etwas gelassener zu werden, wenn man z. B. nicht tragen kann oder gar nicht trägt, lohnt sich ein Blick in die pädagogische Anthropologie.

Tragling hin, Tragling her – Reflexreste und menschliche Anpassungsfähigkeit

Es sei ziemlich egal, ob der Mensch ein ehemaliger Nestflüchter oder Tragling ist. Im Laufe der Evolution haben sich beim Menschen Instinkte aufgelockert. Aus diesem Grund sind wir lernfähig, an die Umweltbedingungen anpassungsfähig und fähig, Entscheidungen zu treffen. Der Mensch ist „weder organisch noch instinktiv an eine spezifische“[5] Umgebung festgelegt.

Ja, das menschliche Baby spreizt die Beinchen, wenn es hochgehoben wird. Es ergreift genauso den Finger, wenn man ihn an der Hand berührt. Wenn man konsequent ist, indem man auf alle Reflexreste ‚antwortet‘, müssten sich Mütter immer ein Fell anziehen (um dem Greifreflex entgegenzukommen). Mit derselben Argumentation müssten wir auch als natürliche Fortbewegungsart das Hüpfen von-Baum-zu-Baum empfehlen tragen.

Für die Verhaltensbiologin Evelin Kirkilionis ist die Anhock-Spreizhaltung jedoch kein Rudiment:

„Welchen Sinn hat diese Stellung [Anhock-Spreiz-Haltung] für den menschlichen Säugling heute, da seine physiologische und anatomische Ausstattung ein Anklammern an der Mutter mit Händen und Füßen nicht mehr erlaubt; zudem finden sich beim Menschen ja nur noch Rudimente seiner ursprünglichen Behaarung. Ist diese Haltung, ähnlich wie der Greifreflex, ein funktionslos gewordenes Relikt, das an die stammesgeschichtliche Zugehörigkeit zum Jungentypus Tragling lediglich erinnert? Oder hat diese Haltung auch heute noch eine Funktion?“[6]

„Der menschliche Säugling – ein aktiver Tragling
Nach diesen Beobachtungen ist der Sitz auf der Hüfte für den Säugling keineswegs ein passives Geschehen. Er beteiligt sich am Hüftsitz aktiv, einmal durch die Spreiz-Anhock-Reaktion, durch die er den Sitz auf der Hüfte vorbereitet, zum anderen durch Anklammern mit den gesamten Beinen am Körper des Tragenden, wodurch der Sitz selbst stabilisiert wird.“[7]

Die Diskussion um die Frage, ob die Anhock-Spreizhaltung ein Rudiment ist oder nicht überlasse ich der Verhaltensbiologie. Für die pädagogischen Rückschlüsse ist ein kurzer Blick auf die Forschung von Emmi Pikler gewinnbringend. Die Habilitationsschrift von Pikler[8] zeigt, dass die Rückenlage die entscheidende Ausgangsposition für die Bewegungsentwicklung ist und Säuglinge, die nicht in Tragehilfen getragen wurden, nicht nur eine sehr gute Bewegungsqualität, sondern eine sehr gut entwickelte Bindungsfähigkeit haben.

Nach monatelangem Studium der Ratgeberliteratur, meiner Erfahrung als Mutter, die aus verschiedenen Gründen getragen hat und vor dem Hintergrund meines erziehungswissenschaftlichen und pädagogischen Wissens, muss ich schon fragen, ob nicht die Verfechter des Tragens etwas über das Ziel hinausgeschossen haben. Dazu mein Fazit:

Fazit

Das Tragen mit exotischer Nostalgie zu begründen, reicht offenbar nicht aus. Mal sollen wir es wie die Indianer tun und uns dabei in unserer Art zu leben, schlecht fühlen, mal sollen wir es wie die Menschenaffen tun.

Mit der terminologischen Krücke Tragling haben die Verhaltensbiologen ein Argument vorgelegt, dem man augenscheinlich nichts entgegen halten kann. Und wenn ja, dann stößt man auf den Aufschrei der Naturliebhaber und Artgerecht-Ratgeber.

Es bleiben jedoch Fragen übrig: Warum müssen wir eigentlich allen Restreflexen in die Hände spielen, wenn sie offensichtlich nach und nach verschwinden? Welche Auswirkung hat es, wenn wir es nicht tun? Was verlieren wir dadurch? Was genau gewinnen wir, wenn wir auf die Reflexe ‚artgerecht‘ antworten? Warum muss man es derart übertreiben, indem man die Rückenlage so dermaßen verpönt?

Ich möchte auch an dieser Stelle für mehr Gelassenheit plädieren. Lasst dir kein schlechtes Gewissen machen, wenn du dich aus der verhaltensbiologischen Perspektive nicht artgerecht oder naturgerecht verhältst. Es schadet sicherlich nicht, die Restreflexe zu kennen, aber auf ihnen das Leben mit deinem Kind aufzubauen und auf Hilfen, wie dem Kinderwagen zu verzichten, ist vielleicht übertrieben. Beobachte dein Kinder, schaue auf seine Signale und nicht auf die Evolution.

In diesem Sinne: Ja, man darf sich mit der Evolution anlegen.

Quellen

[1] Kirkilionis, Evelin (2013): Ein Baby will getragen sein. Alles über geeignete Tragehilfen und die Vorteile des Tragens. München: Kösel. (Das erst Mal 1999 erschienen.)

[2] Hassenstein, Bernhard (1973): Verhaltensbiologie des Kindes. München: Piper.

[3] Lilienthal, Sabine: Ein Baby ist ein Tragling, kein Liegeling. Das Tragen entspricht demKörperbau eines Säuglings und seinemBedürfnis nach körperlicher Nähe. Online verfügbar unter http://www.tragen-in-stuttgart.de/STN_Trageberatung_21.01.2013.pdf.

[4] Heimerdinger, Timo (2011): Verwickelt aber tragfähig. Europäisch-ethnologische Perspektiven auf ein Stück Stoff: das Babyt ragetuch. In: Österreichische Zeitschrift für Volkskunde 114 (3), S. 311–345. Online verfügbar unter http://volkskundemuseum.at/jart/prj3/volkskundemuseum/data/uploads/downloads/OeZV_Volltexte/OEZV_2011.pdf. S. 337.

[5] Kastenholz, Hans G. (1993): Die Bedeutung eines wissenschaftlich fundierten Menschenbildes. In: Karl-Heinz Erdmann (Hg.): Perspektiven menschlichen Handelns: Umwelt und Ethik. Zweite Auflage. Berlin, Heidelberg: Springer Berlin Heidelberg, S. 121.

[6] Kirkilionis, Evelin (1997): Die Grundbedürfnisse des Säuglings und deren medizinische Aspekte. – dargestellt und charakterisiert am Jungentypus Tragling -. In: notabene medici (2), S. 61.

[7] Kirkilionis, Evelin (1997): Die Grundbedürfnisse des Säuglings und deren medizinische Aspekte. – dargestellt und charakterisiert am Jungentypus Tragling -. (Teil 2). In: notabene medici (3), S. 117.

[8] Pikler, Emmi; Tardos, Anna (2009): Lasst mir Zeit. Die selbständige Bewegungsentwicklung des Kindes bis zum freien Gehen. 4. Aufl. München, Bad Kissingen, Berlin, Düsseldorf, Heidelberg: Pflaum.


„Zwei Drittel der Weltbevölkerung tragen ihre Kinder“ Tausend Fliegen können doch nicht irren!

„Zwei Drittel der Weltbevölkerung tragen ihre Kinder (auch heute noch)“

Diese Zahl wurde auf 287 Internetseiten veröffentlicht, um dich vom Tragen zu überzeugen. Das Zitat stammt aus dem Buch „Ins Leben tragen. Entwicklung und Wirkung des Tragens von Kleinstkindern unter sozialmedizinischen und psychosozialen Aspekten“ von Manns/Schrader[1]. Die Autorinnen versuchen in ihrer Diplomarbeit ihre Überzeugung, dass das Tragen die richtige, ja die einzig richtige Umgangsweise mit Säuglingen ist, zu unterfüttern. Allerdings bleiben sie uns einer Quellenangabe schuldig. Eine Anfrage beim Verlag blieb ohne Antwort. Es handelt sich somit erst mal um eine Behauptung, die angesichts der Trefferanzahl offensichtlich ihren Zweck erfüllt hat.

Nehmen wir an, dass die Zahl ungefähr stimmt. Was könnte sie uns sagen?

Nach dem Prinzip ‚tausend Fliegen können nicht irren!‘, ist die Minderheit, die ihren Nachwuchs ohne Tragehilfen aufwachsen lässt, auf einem Holzweg. Die Minderheit von einem Drittel soll sich der Umgangsweise mit Babys der Mehrheit in der Welt anschließen. Doch ist die Mehrheit immer schlauer als die Minderheit? Zumindest nehmen wir lieber ein Urteil an, das von genügend Menschen vertreten wird, als eine abweichende Antwort[2]. Die Erziehungsratgeber setzen unbewusst auf diesen Mechanismus.

Wenn wir auch hier davon ausgehen, dass sich die Mehrheit der Fliegen tatsächlich nicht irrt, bleibt die Frage, warum die Mehrheit der Weltbevölkerung ihre Kinder trägt. Mir ist hierzu keine Erhebung bekannt, sodass ich nur über mögliche Gründe spekulieren kann. Es wäre möglich, dass die Mehrheit der Babys getragen wird,

  • weil das Ablegen der Säuglinge auf der Erde lebensbedrohlich sein kann oder
  • weil es für einen Kinderwagen keinen geeigneten Untergrund gibt oder
  • weil es einfach Tradition ist.

Vielleicht hat ein Teil der Mehrheit gar keine Wahl – entweder aus Sicherheitsgründen, oder praktischen Gründen oder aus einer nicht vorhandenen Notwendigkeit, die kulturellen Normen zu hinterfragen.

Fazit:

287 Missionare des Tragens suchen händeringend nach Argumenten für ihre Vorstellung von geeignetem Umgang mit Säuglingen. Mit Zwängen des Alltags oder der Angst vor einer Hüftdysplasie zu argumentieren reicht nicht aus.

[1] Manns, Anja; Schrader, Anne Christine (1995): Ins Leben tragen. Entwicklung und Wirkung des Tragens von Kleinstkindern unter sozialmedizinischen und psychosozialen Aspekten. Berlin: VWB, Verlag für Wissenschaft und Bildung (Beiträge zur Ethnomedizin, 1).

[2] Gräbner, Matthias (2012): Wann irren die tausend Fliegen? In: Telepolis. Online verfügbar unter http://www.heise.de/tp/artikel/36/36795/1.html, zuletzt geprüft am 11.11.2015.


Trage dein Kind wie Naturvölker – Von der Sehnsucht nach Natürlichkeit, der bösen Zivilisation und der Frage nach der Brille

‚In anderen Kulturen[1] werden die Babys bis heute getragen‘, so oder ähnlich versuchen dich Verfechter des Tragens von dieser Umgangsweise mit Babys zu überzeugen. Das ist eines der prominentesten Argumente für das Tragen. Erziehungsratgeber verweisen auf Berichte über Naturvölker, die belegen sollen, dass Säuglinge sehr lange in einem Tuch getragen werden.

Von der Sehnsucht nach Natürlichkeit

Wir in Europa scheinen sehr empfänglich für diese Bilder zu sein. Wir vertrauen ihrer Friedlichkeit. Die sogenannten Naturvölker stehen für uns für eine verlorene Natürlichkeit. Eine Natürlichkeit, die durch die Zivilisation, zu der auch der Kinderwagen gehört, zerstört wurde. Durch Übernahme einzelner Praktiken, wie der Praktik des Tragens, erhoffen wir uns einen Fortschritt in der Erziehung durch die Rückkehr zu unserer Natürlichkeit, zum Ursprünglichen. Dabei ist die Aufwertung des Natürlichen keineswegs nur auf das Tragen beschränkt. Auch Ratgeber über das Stillen und die Geburt speisen ihre Argumente aus dem Blick auf andere Kulturen.

Das Bild von der Erziehung in anderen Kulturen wird dabei hochstilisiert. Es wird, „auf bestimmte Merkmale reduziert und [entspricht] […] nicht mehr der Realität.“[2] Es sei nebenbei bemerkt, dass solche Bilder als Mittel der Zivilisationskritik Jahrhunderte alt sind.

Ich möchte nun zum zweiten Aspekt des kulturvergleichenden Arguments kommen:

Alles eine Frage der Interpretation

Man muss schon fragen, warum Mütter in unseren Breitengraden die Säuglinge tragen sollen, wenn auf dem Boden keine Gefahr besteht. Nach der Bestsellerautorin Jean Liedloff[3] ist der Sicherheitsaspekt nicht der springende Punkt. Wenn es nach Liedloff gehen sollte, dürfte ein Baby – bis es krabbelt – nie abgelegt werden. Für die Bestsellerautorin gibt es für einen Säugling nichts schlimmeres, als abgelegt zu werden. Dass Säuglinge permanent getragen werden bis sie krabbeln, hat Liedloff bei den Ye’kuana-Indianern beobachtet.

Dabei beruht Liedloffs zentrale Forderung auf einer Mutmaßung über das Erleben des Säuglings: Der Säugling kann mit leblosen Objekten nichts anfangen und sich – im Bettchen abgelegt – nicht entwickeln. Ich möchte anhand einer fiktiven Szene aus dem „Tagebuch eines Babys“ von Daniel N. Stern[4] zeigen, dass Liedloffs Mutmaßung nur eine mögliche Interpretation von vielen ist. Hat man eine andere Vorstellung darüber, was ein junges Baby in einem Gitterbettchen erlebt, gerät Liedloffs Dogma des Tragens ins Schwanken.

Was erlebt ein Baby im Gitterbettchen? – „Leblose Leere“ oder „Zauber eines dichterischen Werkes“

Liedloff und Stern beschreiben einen wenige Wochen alten Säugling, der in einem Gitterbettchen liegt. Beide Autoren erzählen eine fiktive Geschichte. Liedloff leitet die Szene mit einem gescheiterten Versuch des Säuglings, auf sich aufmerksam zu machen ein. Die Entdeckung der Gitterstäbe folgt also auf eine Phase des Unbehangens. Bei Stern ist der Säugling vor zwei Minuten aufgewacht und ist in der Phase der wachen Inaktivität.

Der abgelegte Säugling in der trostlosen Leere

„Die Schreie des Säuglings gehen in zitterndes Wimmern über. Da niemand antwortet, verliert sich die Antriebskraft seiner Signale in der Verwirrung lebloser Leere, wo schon lange Erleichterung hätten eintreten müssen. Er blickt um sich. Jenseits der Stäbe seines Gitterbettchens gibt es eine Wand. Das Licht ist trüb. Er kann sich nicht umdrehen. Er sieht nur die Gitterstäbe, unbeweglich, und die Wand. Aus einer fernen Welt hört er sinnlose Geräusche. In seiner Nähe ist alles still. Er sieht auf die Wand, bis ihm die Augen zufallen. Wenn sie sich später wieder öffnen, sind Gitterstäbe und Wand genau wie vorher, doch das Licht ist noch trüber.“[5]

Liedloff kleidet die zentrale Stelle – das Erblicken der Gitterstäbe – in ein düsteres Bild: Niemand ist gekommen. Der Säugling ist verlassen, wimmert entkräftet. In ihrem Buch gibt es zahlreiche Stellen, die dafür sprechen, dass sie sich gegen die ältere Müttergeneration wendet, der angeraten wurde, die Babys schreien zu lassen. Insofern muss ihr Buch in diesem historischen Kontext gelesen werden. Liedloff war so sehr von dem Feindbild der Methode des Schreienlassens eingeengt, dass ihr das Bild eines zufriedenen Säuglings in Rückenlage nicht in den Sinn gekommen ist.

In diesem trostlosen Gefühlszustand ist ein interessiertes freudevolles Entdecken kaum vorstellbar. Wie stellt Stern das Erleben der Gitterstäbe dar?

„Auf einmal springt ein Stück Raum hervor. Eine dünne, aufrechte Säule. Sie steht regungslos und singt eine strahlende Melodie. […]“[6]

Wie kommt Stern dazu, dem leblosen Gitterstab eine fast künstlerische Wirkung zuzuschreiben? Stern geht davon aus, dass Objekte bei Säuglingen Gefühle verursachen. Jedes Objekt besitzt einen „Gefühlston“.

„Der Begriff Gefühlston bezeichnet die verschiedenen Gefühle, die der Stab in jemandem hervorrufen kann, der ihn nicht als Teilstück eines Kindermöbels erfährt, sondern als Objekt an und für sich, so wie wir beispielsweise eine abstrakte Skulptur betrachten würden.“[7]

Nach Stern können Säuglinge eine Sinneswahrnehmung in eine andere Sinneswahrnehmung überführen. Joey sieht etwas und das visuelle Erlebnis wird in ein Gefühl überführt. Menschen, die z. B. Töne hören, wenn sie eine Farbe sehen, haben diese angeborene Fähigkeit behalten.

Es ist die Fähigkeit

„[…] Qualitäten der Erfahrung erfassen können: Spannung, Härte, Weichheit, Klarheit, Helligkeit, Intensität, Tempo, Rundungen und Ecken und Kanten. Außerdem müssen sie in der Lage sein, diese Eigenschaften mit jedem einzelnen ihrer Sinne wahrzunehmen: dem Sehen, Schmecken, Fühlen, Hören und Riechen. Sie müssen darüber hinaus fähig sein, die aus einer Sinneswahrnehmung abgeleiteten Qualitäten in eine andere Sinnesmodalität zu überführen, zum Beispiel vom Sehen zum Hören.[8]“

Wie aus Mutmaßungen Erziehungsratschläge werden – Interpretation -> Wertung -> Ratschlag

Unterschiedlicher können die beiden Interpretationen nicht sein. Allerdings unterscheiden sich Stern und Liedloff in ihrem Reflexionsgrad: Bei Liedloff gibt es nur die eine Interpretation, während Stern darauf aufmerksam macht, dass jede Aussage über das Erleben des Säuglings immer nur eine von vielen Interpretationen sein kann. Eine ultimative Wahrheit kann es nicht geben.[9]

Zentral ist an dieser Stelle, dass sich je nach Interpretation sehr unterschiedliche Handlungsvorschläge ergeben:

Geht man davon aus, dass der Säugling trostlose Leere erlebt, wenn er abgelegt wird, und dass er in dieser Position, ohne Körperkontakt nicht in der Lage, sich der Umwelt zuzuwenden, gibt es nur eine Konsequenz: Den Säugling möglichst viel zu tragen.

Interpretiert man dagegen im Sinne Sterns darf der Säugling liegen. Sind die Bedürfnisse, wie Nahrung, Wärme oder Körperkontakt gestillt, sind die Momente der wachen Inaktivität in der Rückenlage Momente wichtiger Entdeckungen.

Fazit

Die Interpretation von Stern erlaubt es, legt sogar nahe die Babys auch hinzulegen. Diejenigen von euch, die sich unsicher fühlen oder schlechtes Gewissen haben, weil ihr eure Kinder nicht so viel tragt, werden hier beruhigt. Ein Baby darf auch liegen! Es darf sogar alleine im Raum sein!

Quellenangaben

[1] indogene Völker, „traditionale Kulturen“ in Kirkilionis, Evelin (2013): Ein Baby will getragen sein. Alles über geeignete Tragehilfen und die Vorteile des Tragens. München: Kösel. S. 21., Naturvölker“ in Dornes, Martin (2007): Die emotionale Welt des Kindes. 5. Aufl., Orig.-Ausg. Frankfurt am Main: Fischer (Fischer/-Taschenbuch] Geist und Psyche, 14715), S. 54, koloniale Völker oder ‚weniger entwickelte Kulturen‘ in Prekop, Jirina; Schweizer, Christel (2014): Kinder sind Gäste, die nach dem Weg fragen. Ein Elternbuch. München: E-Books der Verlagsgruppe Random House GmbH.

[2] Hupfeld, Tanja (2007): Zur Wahrnehmung und Darstellung des Fremden in ausgewählten französischen Reiseberichten des 16. bis 18. Jahrhunderts. Il les faut voir et visiter en leur pays. Göttingen: Univ.-Verl. (Universitätsdrucke Göttingen), S. 52.

[3] Liedloff, Jean (2005): Auf der Suche nach dem verlorenen Glück. Gegen die Zerstörung unserer Glücksfähigkeit in der frühen Kindheit. 509. – 532. Tsd. München: Beck (Beck’sche Reihe, 224).

[4] Stern, Daniel N. (2000): Tagebuch eines Babys. Was ein Kind sieht, spürt, fühlt und denkt. 8. Aufl. München [u.a.]: Piper (Serie Piper, 1843).

[5] Liedloff, Jean (2005): Auf der Suche nach dem verlorenen Glück. Gegen die Zerstörung unserer Glücksfähigkeit in der frühen Kindheit. 509. – 532. Tsd. München: Beck (Beck’sche Reihe, 224), S. 88.

[6] Stern, Daniel N. (2000): Tagebuch eines Babys. Was ein Kind sieht, spürt, fühlt und denkt. 8. Aufl. München [u.a.]: Piper (Serie Piper, 1843), S. 30-33.

[7] Ebd.

[8] Ebd.

[9] Vgl. ebd. S. 9